Noémi Kiss

Ungarische Sexarbeiterinnen in der Schweiz (1/5) #25

Montag, 07.04.2014

Auch Sex ist eine Hausfrauenarbeit, wie Kinderhaben, Stillen, Abstauben. Man muss sie sichtbar machen, über sie reden und diskutieren, sie verbieten oder offiziell zulassen, und natürlich bürokratisieren. Wie umgehen mit der Prostitution?

Das ist heute eine der grossen Fragen in Westeuropa, aber die Sexarbeit selbst bleibt im osteuropäischen Nebel verborgen, sie ist der blinde Fleck der Nacht und gleichzeitig ihr verführerisches Strumpfband.

Ich bin mit den Kindern in die Schweiz gekommen, mein Stipendium gilt für ein halbes Jahr. Ich erhalte einen Schreibtisch und Geld, werde verwöhnt, unterstützt – manchmal werde ich verlegen, das bin ich mir nicht gewohnt, soviel Fürsorge scheint mir übertrieben. Man zeigt mich herum, was für eine emanzipierte ungarische Mutter, dass sie sich in die Welt hinaustraut mit den Kindern, und dabei ist das nicht einmal die Welt, sondern bloss eine ihrer reichsten und teuersten Oasen. Meine Reisegefährten im Railjet von Budapest nach Zürich sind auch Mütter, ohne Kinder. Sie sind herausgeputzt, viel Rouge, so gehen sie in die Welt hinaus, sie wollen gefallen, deshalb kichern sie die ganze Zeit; sie wollen alles zeigen, was sichtbar ist. Und wenn sie ankommen, unfreiwillig, wartet kein ruhiges Zimmer und kein schönes Leben.

Es gibt in der Schweiz eine grosse Nachfrage nach Prostitution, gemäss der jährlichen Erhebung der Schweizer AIDS Hilfe ist jeder fünfte Mann ein Freier. Wenn die Schweizer wüssten, was es heisst, in Ungarn Mutter zu sein, oder einfach nur Frau und Mensch, würde ihre Armbanduhr herunterfallen, wie man bei uns sagt. Zürich ist seit Jahren voll von ungarischen Frauen, die den Strich machen, die meisten sind Mütter oder gerade schwanger. Sie kommen ohne Kinder, für ein paar Tage, Wochen, Monate oder Jahre, manchmal für ein ganzes Leben nach Westuropa. Ihre Anwesenheit ist unübersehbar, ihre Körper, alle haben von ihnen gehört, die Strasse widerhallt von ihrer Sprache. Sie stehen in der Gegend der Langstrasse, machen jeden an, verkaufen ihre zusammengepressten Schenkel. Die hiesigen Medien berichten seit Jahren über die Dumpingpreise und „die Gefahr“ der osteuropäischen Roma-Sexworkerinnen, ein Dauerthema. Man beschäftigt sich mit ihnen, weil sie der Schweizer Gesellschaft einen Zerrspiegel hinhalten. Aber wie die Welt der Prostiutierten aussieht, interessiert bloss am Rande. Diese Welt bleibt ein Geheimnis. Zur Erotik gehört das Flüstern und Schweigen – nur geht es hier um eine andere Art von Sprachlosigkeit.

Ihre Welt ist stumm und taub, verschlossen, es ist nicht einfach, etwas über sie zu erfahren, weil sie Angst haben. Sie sprechen nicht die Sprache des Landes, die Mehrheit lebt zu Hause in unbeschreiblicher Armut, oft sind sie Opfer von Menschenhändlern, sie kommen in Zürich an mit einer traumatisierten persönlichen Geschichte, die jedes Mal anders ist, aber immer von wirtschaftlicher Not handelt.

Wenn ihre 90tägige Arbeitsbewilligung abläuft, wenn sie von ihrem gewohnten Platz hinausgedrängt werden oder wenn die Polizei sie wegen Schwarzarbeit anzeigt - ziehen sie weiter nach Amsterdam, Rom, München. Transnationale Mütter. So werden sie in der Fachliteratur genannt.

Auszug aus dem Text «Bereit zur Verrichtung», zuerst erschienen im MAGAZIN vom 4. April 2014. Übersetzung: Miklós Gimes.

 
Impressum/Disclaimer